Ein Mensch mit Stierkopf und allen weiteren Eigenschaften dieses Geschöpfes, also Muskeln und vor allen Dingen spitze Hörner, kommt auf mich zugerannt. Mein Herz springt mir fast aus dem Brustkorb, aber irgendwas in mir sagt diesem Verrückten den Kampf an. Dem ersten Schlag weiche ich aus, der zweite trifft mich wie ein Vorschlaghammer in die Magengrube. Nach Luft ringend lehne ich mich an die Tür und der Wichser schaut mich mit seinem verdammten Stieraugen an. Ich versuche mit kraftlosen Händen ihm die Maske runterzureißen, aber vergeblich, meine Arme fallen schlaff herunter. Mich so an der massiven Eisentür abstützend, geht der Stiermensch ein paar Meter zurück, nimmt Anlauf und richtet seine Hörner direkt auf meinen Oberkörper. Dann rennt er auf mich zu. Noch 10 Meter, noch 5. “Komm schon!”, denke ich. In mir regt sich der pure Überlebensinstinkt. Drei, zwei, eins.
Mehr entkräftet fallend als wirklich ausweichend entgehe ich im letzten Moment dem Angriff. Im Augenwinkel registriere ich, wie der Stier mit seinem Kopf gegen die Eisentür knallt, mein Fleisch verfehlend. Ich höre seine Hörner splittern, brechen, gefolgt von einem Schrei, der aus keiner Menschenkehle kommen kann. Ich drehe mich um und sehe, wie der Stier am Kopf blutet. Mich über den wehrlosen Gegner beugend versuche ich ihm die Maske abzunehmen, ziehe an dem Ring, der durch seine Nase geht (wie lächerlich klischéehaft!), doch ich erreiche lediglich, ihm sein Riechorgan halb abzureißen. Den Nasenring in der Hand taumele ich fassunglos mit weit aufgerissenen Augen zurück, abwechselnd auf den besudelten Ring und das vor Blut überquellende Gesicht des Stiers starrend. “Du willst sicher wissen, was hier los ist, oder? Komm mit, ich zeige es dir!”, die Frau mit der höhnisch lachenden Porzellanmaske steht plötzlich neben mir. Sie greift in ihre Hosentasche und holt einen elfenbeinfarbenen Schlüssel aus ihrer Tasche, schließt damit die Tür auf und gibt mir mit einer wenig einladenden Geste zu verstehen, dass ich die dahinter liegende Treppe hinabsteigen solle. “Was habe ich noch zu verlieren?”, denke ich und trete hindurch. Vor mir geht es steil hinab in die Dunkelheit.
Ich steige direkt hinter der Frau mit der Porzellanmaske die Treppen runter. Sie hat eine kleine Taschenlampe dabei, jedoch verdunkelt diese Funzel mehr, als dass sie erhellt. Es scheinen endlos viele Stufen zu sein, das Zählen selbiger lohnt sich nicht. Schließlich kommen wir zu einer weiteren Tür oder besser gesagt, einem organischen Etwas, welches sich bei unserem Näherkommen öffnet und sofort hinter uns wieder schließt. Vor mir liegt eine enorme Halle, ach, was sage ich, eine gigantische Grotte. Unter den schmalen, steinigen Wegen liegt ein See voller Lava, dessen aufsteigende Blasen regelmäßig platzen und einen Schwall übelriechender und betäubender Schwefelgase freisetzen. Ich fühle mich den ganzen Weg über diese Stege beobachtet, nicht von der vor mir und sich stetig umdrehenden Porzellanfrau, sondern von etwas anderem, vor dem ich mich wesentlich mehr fürchten sollte. Wir kommen in einen engen Gang, hier und da liegen Knochen, Schädel sowie andere Überreste. An einer Stelle sehe ich einen blutbeschmierten Hammelkopf und als ob die Frau meine Gedanken lesen könnte, sagt sie mir nur leicht mit dem Kopf schüttelnd „Ein anderer!“. Zunehmend enger wird der Gang und zunehmend organischer werden die Wände. Wie durch eine extrem elastische Haut greifen verdammte Seelen nach mir, drücken ihre Köpfe durch die dünne Zellmasse und reissen gespenstisch ihre Münder auf, so als ob sie mir etwas sagen wollten. Warnen sie mich? Soll ich umkehren? „Dafür ist es jetzt zu spät!“, sagt sie wieder meine Gedanken lesend. Wir kommen in der Mitte eines riesigen Plateaus an und bleibe abrupt stehen. „Warte!“, sagt mir die Frau herrisch. Daraufhin frage ich fordernd: „Was kommt nun? Der Teufel höchstpersönlich?“. „Verdammt richtig!“, raunt mich eine tiefe, kehlig-vibrierende Stimme an.
Übernächste Woche steigt das große Finale von “Damnatio” – wer es verpasst, der sei bis in alle Ewigkeit verdammt!

Lässt sich gut lesen